Kullerfrau beim Hahnweidewettbewerb 2017

Der Hahnweidewettbewerb findet jährlich auf dem Flugplatz Hahnweide bei Kirchheim unter Teck statt. Für mich war es eine tolle Erfahrung, als Anfängerin passiv an so einem Wettbewerb teilzunehmen. Ich habe viel gelernt, vor allem wie so ein Wettbewerb abläuft. Im Grid kann man sich ganz tolle Flugzeuge anschauen, die zusammen Millionen von Euro kosten. In der 18-m-Klasse dominieren einige Flugzeugtypen das Bild: ASG 29 von Schleicher und der Ventus 3 von Schempp-Hirth. Ich habe meinen Freund Frank mit seiner LS 10 begleitet und war damit eine „Kullerfrau“.

 

Vor ungefähr einem Jahr bei der Qualifikation für die deutschen Meisterschaften in Lachen-Speyerdorf (EDRL) traf ich das erste Mal auf eine Kullerfrau. Ich war dort zu Besuch, weil das mein Heimatflugplatz ist und weil ich meinen Freund Frank besuchen wollte, welcher zum Bodenpersonal gehörte. Die Kullerfrau erklärte mir ungefragt, laut und langsam sprechend (wie für geistig beeinträchtigte Menschen), was überhaupt ein Kuller ist und warum man sie Kullerfrau nennen würde. Ich habe sie irgendwie entgeistert und ein bisschen belustigt angeschaut und versucht, ihre Gedankengänge nachzuverfolgen: „Aha, hier läuft eine Frau auf einem Flugplatz rum. Die hat sicherlich keinerlei Ahnung von nichts. Der muss ich jetzt mal meine (un)wichtige Rolle hier erklären.“

Als ich mich etwas länger mit ihr unterhielt, musste ich zwangsläufig an einen Text aus einem alten Streckenflug-Lehrbuch denken:

Bild1

Es wird noch besser:

Bild2

Ich kann gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mich dieser Text verstört. Ich bin doch nicht die Dienstleisterin meines Freundes. Und eigentlich bin ich sehr froh, dass noch andere Frauen auf dem Hahnweidewettbewerb anwesend waren. Was will mir der Autor hier eigentlich unterstellen?! Tut mir wirklich leid für ihn, dass er so ein Frauenbild hat. Nachdem ich jetzt selbst Rückholerin auf einem Segelflugwettbewerb war, bin ich froh, dass ich eine bessere Antwort auf die Frage nach dem idealen Team eines Wettbewerbpiloten (oder einer Pilotin) gefunden habe:

Lieber Autor dieses Buches, liebe Kullerfrauen,

als Rückholer/in auf einem Segelflugwettbewerb ist man erst einmal ein vollständiges Crew-Mitglied. Es ist wichtig für die Motivation aller Beteiligten, dass die Crew vollständig in das Wettbewerbsgeschehen eingebunden wird. Dazu gehört, dass der/die Rückholer/in an der täglichen Flugvorbereitung, an den Briefings und an der Nachbereitung teilnimmt. Die neueste Technik ermöglicht es uns oftmals, den/die Piloten/in live zu tracken und mitzufiebern. Eine entspannte Atmosphäre im Team kann nicht allein durch die Geschlechterfrage gelöst werden („maximal eine Frau, sonst kommt es zum Zickenkrieg?“). Sogar die NASA hat herausgefunden, dass gemischte Astronautenteams aus 50 % Frauen und 50 % Männern besonders gut funktionieren. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass jedes Mannschaftsmitglied als gleichwertig angesehen und anerkannt wird. Wenn Kullerfrauen auf Dienstleistungen reduziert werden, kann es nicht funktionieren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass das Interesse vieler Rückholerinnen am Fliegen geweckt werden kann, indem man sie mehr in das Wettbewerbsgeschehen einbindet, statt sie als minderwertiges Mitglied zu behandeln. Ich hatte jedenfalls eine sehr lehrreiche Woche und viel Spaß am Wettbewerbsgeschehen. Ich freue mich jetzt schon auf meine eigenen ersten Wettbewerbserfahrungen.

Im Endeffekt hat es für meinen Freund Frank leider nicht für die Top-Platzierungen gereicht. Seine Mückenputzer waren kaputt und seine Motivation hat am Ende der Flugtage dadurch etwas nachgelassen. Aber als gutes Crew-Mitglied (mit einem Verständnis der Aerodynamik) habe ich selbstverständlich jeden Tag die Flächen poliert und versucht, ihn aufzubauen. Dasselbe erwarte ich in Zukunft aber auch von ihm.

 

10 Gedanken zu “Kullerfrau beim Hahnweidewettbewerb 2017

  1. Ralf Henning schreibt:

    Liebe Jovanna,

    der Text den du da „zitierst“ stammt nicht aus irgendeinem alten Streckenflugbuch, sondern aus dem Buch „Streckensegelflug“ von Helmut Reichmann. Wem der Name nichts sagt –> einfach mal googeln.
    Als einer der Helmut gekannt hat, kann ich sicher sagen, dass er ein sehr humorvoller Mensch war und sicher viele Sachen mit einem Augenzwinkern erzählt oder geschrieben hat. Aber eins war Helmut mit Sicherheit nicht: Ein Chauvinist. Leider kann man ihn nicht mehr selber fragen, wie er den Teil gemeint hat. Vielleicht könnte man seine Frau Annette Reichmann (die sollte den weiblichen Segelfliegerinnen evtl. noch ein Begriff sein) mal fragen.
    In seinem Buch steht dieser Auszug in erkennbar anderer Schriftart, innerhalb des Kapitels über die „Mannschaft“. Damit hat er es eindeutig als Abschweifung/Gedankengang, vermutlich auch als ein wenig Ironie, gekennzeichnet. Daher ist sehr schade, dass du den Text hier aus dem Zusammenhang reisst, bzw. dich evtl. auch nicht mit dem Gesamtkontext beschäftigt hast (gerade von jemandem der promoviert würde ich das aber erwarten). Meine Sichtweise dieses Abschnittes sieht aber anders aus. Dieser Abschnitt spiegelt mit Sicherheit die persönliche Erfahrung von Helmut wieder. Und in dem was er schreibt steckt wahrscheinlich ein ganzer Haufen Wahrheit mit drin und an keiner Ecke erkenne ich auch nur im entferntesten eine Degradierung der Frau als Kullerträger.
    Er beschreibt hier eine Partnerin, die den „Wettbewerbsflieger“ am besten kennt und ihn liebt. Und er sagt hier nichts weiter, als dass er eben nicht nur eine Mannschaft braucht die „funktioniert“ und die notwendigen Tasks abarbeitet, sondern auch jemanden der ihn in allen Facetten seiner Art kennt, ihn daher mental in der richtigen Weise unterstützen/betreuen kann. Der eben weis wie der Partner tickt und der die richtigen Methoden kennt um ihn mental zu unterstützen und der auch weiss, wann er die Klappe zu halten hat. Und das ist bei einer richtigen und funktionierenden Partnerschaft eben der Partner. Und hier geht es auch nicht um eine Mannschaft beim „Hintertupfinger Hans Dödel Gedächtnis Vergleichsfliegen“.
    Seine Erfahrungen beruhen auf nationalen und internationalen Wettbewerben.
    Am Ende ist dieser Abschnitt ein hohes Lob auf den idealen Partner der seinen Partner im Wettbewerb voll unterstützt und seine eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit hinten anstellt ( und in einer gleichberechtigten Partnerschaft macht er das für seine Partnerin eben auch an anderer Stelle). Auf einer Meisterschaft, bei der es um was geht, brauchst du keine gleichberechtigte Crew, bei der du als Pilot auch noch dafür sorgen musst, dass alle richtig und vollständig in den Wettbewerb eingebunden sind. Da brauchst du ein funktionierendes Team, dass nur das einzige Ziel hat, den Piloten maximal zu unterstützen.
    In deine Beiträgen analysierst du Situationen von verschiedensten Blickwinkeln. Hier fehlt mir das ein wenig.
    Liebe Grüsse
    Ralf Henning

    P.S.: eine Quellenangabe würde sich immer gut machen. Da solltest du ja Übung haben … 🙂

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    • Jovana schreibt:

      Hallo Ralf,

      ich weiß sehr wohl, wer den Text geschrieben hat und habe den Autor und die Quelle bewusst nicht genannt. Ich finde es auch sehr schade, dass du (obwohl du dieses Verhalten bei mir kritisierst) genau diesen Beitrag aus dem Kontext meiner anderen, ironischen Texte ziehst und ihn so ernst nimmst. Offensichtlich treffe ich damit bei dir einen wunden Punkt. Meine Beiträge sollen primär unterhalten (und sekundär Frauen und Männer ein bisschen zum Nachdenken anregen).

      Ob Herr Reichmann nun ein Chauvinist war oder nicht, ist mir im Grunde vollkommen egal, ich kann es mir allerdings nicht vorstellen. Er war ein super Pilot und hat sein Wissen anderen vermittelt. Dafür verdient er von mir die größte Anerkennung und ich würde seinen Namen niemals verunglimpfen wollen.

      Dass das, was er (durchaus ironisch) beschreibt, viele ernst nehmen können und tun und das so praktizieren, habe ich aber auch schon gesehen. Mein Freund ist übrigens auch während der deutschen Meisterschaft („bei der es um etwas geht“) in der Lage, mich trotz meiner Abwesenheit wie ein gleichberechtigtes Crew-Mitglied zu behandeln und mit mir abends seine Gedanken und Fehler zu besprechen. Nur so kann ich ihn auch über Hunderte Kilometer hinweg maximal (mental) unterstützen und meine Bedürfnisse in dieser Zeit zurückschrauben. So schwierig ist Gleichberechtigung also eigentlich nicht… Schade, dass es viele nicht genauso machen und wirklich denken, sie bräuchten keine gleichberechtigte Crew.

      Kommentare wie „gerade von jemandem der promoviert würde ich das aber erwarten“ und die Tatsache, dass du mir einen Text erklärst, den ich selbst sehr wohl gelesen habe, gehören für mich übrigens in die Kategorie „Mansplaining“. Ein Mann hat mir nicht zu erklären, wann und von wem ich mich als Frau degradiert fühlen darf und wann und von wem nicht. Für welche Bücher ich (positive wie negative) Werbung mache, bleibt alleine mir überlassen. Du kannst dich von meiner richtigen Zitationsweise (statt in einem „Hintertupfinger Hans Dödel“-Blog) gerne auch in meiner Dissertation („bei der es um etwas geht“) überzeugen lassen.

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      • Ralf Henning schreibt:

        In diesem konkreten Blog Eintrag von dir, gelingt es mir nicht irgendwas ironisches zu erkennen. Ich habe deine Beiträge , so auch diesen, durchaus ernst genommen. Vielleicht mein Fehler.

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  2. Jorgen Korsgaard schreibt:

    Liebe Jovana
    Ich bin im Vorstand bei den dänischen Segelfliegern. Wir planen zur Zeit eine Sitzung/Conference für die dänische Segelflieger am 11. november 2017. Ein kleiner Vortag über deine Erfahrungen als Segelfliegerin und Frau wäre da sehr gut. In DEN sprechen wir in dieser Zeit viel über Diversity – Frauen, Männer, Jung und Alt. Und Du hast ja wirklich was zu bieten.
    Wir zahlen Deine Unkosten usw.., falls Du Lust hätte dabei zu sein.
    By the way … könntest Du Deine eventuelle Vortrag in englisch halten?
    Ich freue mich sehr auf Deiner Antwort.
    Thermals
    Jorgen

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    • Jovana schreibt:

      Wow, ich fühle mich sehr geehrt! Vielen Dank, den Vortrag halte ich sehr gerne am 11. November. Englisch ist auch kein Problem, das mache ich beruflich ständig.
      Ich freue mich sehr über die Einladung, kontaktier mich doch bitte noch mal mit dem Kontaktformular, damit wir Emails austauschen und das Event besser planen können 🙂
      https://frauensegelflug.blog/ueber-mich/
      Liebe Grüße

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  3. Philipp schreibt:

    Hi Jovana,

    LG aus Straubing von der PK an dich und den Frank !
    Ich denke übrigens, der Text oben aus dem Buch ist ironisch gemeint, meinst du nicht ?

    Das Problem ist aber doch auch, warum waren auf den Hahnweide 99% der Piloten männlich während man bei der Ausbildung noch einen Anteil von mind. 20% hat ?

    Sollten wir mal alle drüber nachdenken.

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    • Jovana schreibt:

      Hallo Philipp,
      du hast dich ja doch auf meinen Blog verirrt 😉

      Ja, der Text ist sicherlich nicht ganz ernst zu nehmen… Aber in jedem Witz steckt auch ein bisschen Wahrheit. In neueren Büchern ist das auch ganz anders dargestellt, da sich die Zeiten zum Glück auch ändern.

      Warum so wenige Frauen teilnehmen weiß ich nicht. Werden sie anders gefördert als Männer? Oder sind es ganz praktische Gründe wie Baby-Pausen und daher mangelnde Übung?
      Sobald ich eine halbwegs plausible Antwort darauf finde, poste ich sie hier ganz bestimmt.

      Liebe Grüße zurück und bis vielleicht nächstes Jahr

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