Fliegende Wikinger

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Während am 11. November dieses Jahres in Deutschland die Karnevalszeit gestartet ist, habe ich eine Einladung der Dänischen Segelfliegerunion dankend angenommen und als Anlass genutzt, um den Karnevalsjecken zu entfliehen.

Ich wurde bei der Ankunft nicht enttäuscht. In einem kleinen Örtchen namens Middelfart waren die Koryphäen der Segelfliegerwelt vertreten! Mein absolutes Highlight waren die Vorträge von Prof. Loek Boermans von der TU Delft, der sich mit der Forschung und Entwicklung von Laminarprofilen befasst, sowie von Uys Jonker – der Name sagt es schon – dem Inhaber von Jonker Sailplanes, der sicherlich eines der innovativsten Segelflugzeuge der Welt vorgestellt hat – die JS3.

Auf dem Konferenzprogramm stand auch mein Name und ich sollte einen Vortrag über fliegende Frauen und die Notwendigkeit von mehr Frauen in Segelflugvereinen halten – also im Groben meinen Blog vorstellen 😊

 Segelflugkonferenz

In Dänemark ist die Situation ähnlich wie bei uns in Deutschland. Auf der Konferenz waren einige wenige Frauen in den Reihen, die Mehrheit waren allerdings Männer. Meine größte Angst war, dass mein Vortrag als feministische Provokation aufgefasst wird und die dänischen Männer beschließen, in Zukunft gar keine Frauen mehr in ihren Vereinen aufzunehmen – aus Angst, dass so eine wie ich ihnen sexistische Witze verbieten möchte. Da habe ich wohl die dänischen Wikinger-Gene unterschätzt, denn das genaue Gegenteil ist auf dieser Konferenz passiert:

„Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist.“ – Simone de Beauvoir

Und die Dänen – als Nachkommen der Wikinger – sind sich ihrer Männlichkeit sehr wohl sicher. Denn in Sachen Feminismus konnte ich sogar noch etwas von ihnen lernen. Ich musste feststellen, dass ich mir mein Leben lang männliche Verhaltensweisen angeeignet habe, um mich in der männerdominierten Welt zu etablieren und zurecht zu finden, beruflich wie privat. „Bloß keine weiblichen Züge zeigen!“ – „Bloß nicht als schwach gelten!“ – „Bloß nicht als Frau auffallen und sagen, dass ich Hilfe brauche!“

Jahrelang habe ich demonstrativ mein Blei selbst getragen, ohne dass ich auch nur Anstalten gemacht habe, jemanden um Hilfe zu bitten, der mir offensichtlich körperlich überlegen ist. So habe ich auch jahrelang im Maschinenbaustudium und auch während der Promotion vollkommen ignoriert, dass meine Herangehensweise an Probleme eine ganz andere ist als bei meinen männlichen Kollegen und meine Art der Kommunikation eine andere ist. Und dann komme ich nach Dänemark und muss feststellen, dass die Dänen längst erkannt haben, dass das so nicht sein muss.  

Das Fazit der Dänen kann man ungefähr so zusammenfassen: „Wir wissen, dass ihr Frauen nicht so seid wie wir und eure Herangehensweise ans Fliegen eine andere ist. Wir werten das nicht als besser oder schlechter, sondern einfach als anders. Da die Segelflugvereine allerdings von Männern geschaffen sind, sind sie für uns optimiert und nicht für euch. Wir möchten wissen, was wir ändern müssen, damit ihr euch in den Vereinen wohlfühlt und auch Streckenflug macht.“

WOW, ich bin jetzt 32 und habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich meine Weiblichkeit nicht zwanghaft bekämpfen muss, um erfolgreich in der Welt zu sein. Denn meine Weiblichkeit ist nichts Negatives, wofür ich mich schämen muss, sie ist einfach genetisch bedingt. Ich bin dadurch nicht schlechter beim Fliegen und meine andere Herangehensweise an Probleme macht mich nicht zu einer schlechteren Ingenieurin. Vielmehr denke ich inzwischen, dass Männer und Frauen sich ideal beruflich und privat ergänzen. In dieser Hinsicht sind uns die Dänen, wie die meisten nordischen Völker, weit voraus. Diesen Stand der Gleichstellung zwischen Männern und Frauen müssen wir in Deutschland erst noch erreichen.

Ich bin jedenfalls dankbar, dass ich ein Teil der Segelflieger-Konferenz in Dänemark war und diese Sichtweise gelernt habe. Jetzt kann ich auch viel entspannter mit meinen „weiblichen Schwächen“ umgehen und habe mir fest vorgenommen, in der nächsten Saison die Männer beim Tragen von Blei um Hilfe zu bitten und nicht die Heldin zu spielen.

Ein großer Dank an die fliegenden Wikinger! Ihr seid auf dem richtigen Weg!

Vielen Dank auch an Jørgen Korsgaard für seine fortschrittliche und kluge Denkweise und die Einladung zu dieser tollen Veranstaltung. 🙂 

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