Ingrid Blecher – Geschichte der Hexentreffen

Rede von Ingrid Blecher, der Mutter der Hexentreffen, vom 43. Hexentreffen in Kaub 2017:

Die Hexentreffen sind und spiegeln natürlich auch die Geschichte des Frauensegelfluges in der BRD.

1918 wurde in Deutschland, als 9. Land, das Frauenwahlrecht eingeführt, nach 1870 im Bundesstaat Wyoming, 1893 in Neuseeland, 1906 in Finnland und in Australien nur für weiße Frauen. Alle anderen erst ab 1967, Norwegen, Dänemark, Island und Russland.

Am 29.05.1949 trat das Grundgesetz der BRD in Kraft. Alle kennen den mühsam erkämpften Artikel 3:

  1. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
  2. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
  3. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache usw. benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Aber dieser Artikel hatte es in sich, nicht nur, dass zig Gesetze angepasst und geändert werden mussten. Vor allem die Einstellung und Haltung der Gesellschaft zur Gleichberechtigung der Frauen. Das war ein schwieriges Vorhaben und wurde nur sehr zögerlich – wenn überhaupt – umgesetzt, denn die Männer hatten in jeder Hinsicht, auch finanziell, alle Macht.

Z. B. durften Frauen erst ab 1977 selbständig einen Arbeitsvertrag unterschreiben, bis dahin mussten das die Ehemänner für ihre Frauen tun und auch ihr Einverständnis für die Berufstätigkeit geben.

Oder in diesem Jahr, am 11. Januar, wurde ein Gesetz zur Lohngleichstellung von Männern und Frauen eingebracht – 68 Jahre nach Eintritt des Grundgesetzes!

Das sind nur einige Beispiele, aber diese Einstellungen zur Gleichberechtigung haben meinen fliegerischen Start begleitet. Allerdings hatte ich mit meinem Ehemann keine Probleme in dieser Richtung, er hat mich immer voll unterstützt und sogar manchmal darauf aufmerksam gemacht, wenn Frauen wieder benachteiligt wurden.

1961, gerade 16 Jahre alt geworden, hatte ich endlich meine Eltern und den LSV Siegerland überzeugt und begann meine Segelflugausbildung auf der Eisernhardt bei Siegen. Im Sommer flog ich mich frei und im Frühjahr 1962 hatte ich meinen Luftfahrerschein. Ich war das einzige Mädchen im Club, was lange Jahre bis auf kurze Zwischenspiele so bleiben sollte.

Mit den „Älteren“, meist erst zwischen 30 und 40 Jahre alt und noch im Krieg geflogen, noch voll in der Hitlereinstellung „Frauen gehören an den Herd“, gab es immer wieder Probleme. Z. B. traute man sich nicht, mir beim 1. Alleinflug den Hintern zu verhauen sondern schwärzte mein Gesicht mit Schuhwichse.

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Ingrid Blecher nach ihrem ersten Alleinflug 1961

Oder zum in NRW üblichen Bezirksvergleichsfliegen wurden die Segelflugzeuge unter den Jugendlichen ausgelost. Man wollte mich als Mädchen nicht mitlosen lassen, da man mal wieder den Bezirkspokal gewinnen wollte. Die Jugendgruppe war da aber schon aufgeschlossener und ich loste mit, bekam den L-Spatz und gewann das Vergleichsfliegen. Keine Gratulation von den „Alten“.

Bei dem Wechsel meines Mannes und mir 1967 zum Burbacher Verein auf Siegerland-Flughafen wurde ich nur aufgenommen, weil wir verheiratet waren und ich damit keine Gefahr für die Segelflieger !!! darstellte.

1974 erflog ich meine ersten Rekorde, 2 Höhenrekorde in Fayence über 7.750 m Höhengewinn und 8.150 m absolute Höhe, die recht bald von Ingrid Köhler in den USA überboten wurden.

Ich kannte recht viele Flugplätze und andere Pilotinnen, wovon wie ich meistens nur eine im Verein war, aber auch einzelne Pilotinnen, die mehr sein wollten als nur Startschreiber, Rückholer oder sonstiges Bodenpersonal.

Inzwischen wusste ich, dass Brigitta Keller Vorsitzende und Fluglehrerin eines reinen Frauensegelflugclubs war und hatte Marianne Deutschmann und Gisela Weinreich in Fayence kennengelernt. Hanna Reitsch kannte ich vorher schon von Aigen, obwohl sie damals von mir Anfängerin kaum Notiz nahm. Wie viele Segelfliegerinnen es vor dem Krieg außer ihr schon gab ist in dem Buch „Schneidige deutsche Mädel“ von Evelyn Zegenhagen nachzulesen, ihrer Dissertation.

Außerdem bin ich Mitglied in der neu gegründeten Vereinigung Deutscher Pilotinnen (VDP) geworden, die im Gegensatz zu den Ninety-Nines alle Luftsportlerinnen aufnahm und nicht nur Motorfliegerinnen, da Mutz Trense die Ansicht vertrat, dass alle fliegenden Frauen zusammen halten müssen. Hanna Reitsch und Elly Beinhorn waren hier Gründungsmitglieder.

Segelfliegerinnen-Treffen

So kam dann die Idee auf, dass wir Segelfliegerinnen uns kennenlernen, absprechen und gemeinsam für ein Vorankommen der Segelfliegerinnen arbeiten sollten.

Am 08. März 1975 fand das 1. Treffen bei mir auf Siegerland-Flughafen statt mit 26 Teilnehmerinnen, meistens aus NRW. Aber das Wichtigste war: Fred Weinholtz als Bundes-SEKO Vorsitzender und Siegfried Frank als SEKO-Vorsitzender von NRW waren mit von der Partie und unterstützen und befürworteten die von uns Segelfliegerinnen geforderten und formulierten Wünsche und Änderungen innerhalb des DAeC und der Vereine.

Zunächst wurde ein Frauensegelflug-Wettbewerb angestrebt (ich hatte dazu einen Fragebogen versandt und 39 Antworten erhalten, wovon 12 geantwortet hatten, dass sie keinen Wettbewerb fliegen würden) um mehr Frauen für Leistungs- und Wettbewerbsflug zu gewinnen und noch im gleichen Jahr in Kassel-Calden wurde der erste Damensegelflugwettbewerb zusammen mit den Junioren-Meisterschaften durchgeführt. Es nahmen 10 Pilotinnen teil.

Ich nicht, denn Gis König und ich wurden 1975 zum 2. Internationalen Damen-Segelflugwettbewerb nach Lezsno/Polen geschickt. 21 Teilnehmerinnen aus 12 Nationen und wir belegten hintere Plätze. Ich hatte bis dahin lediglich ein Bezirks-Vergleichsfliegen mitgeflogen und Gis und ich kannten uns nur aus der Presse.

Dagegen waren die „Ostblockmädchen“ damals schon voll aufs Teamfliegen eingeschworen, hatten Trainer und Trainingslager und strebten nicht nur eine EM sondern eine eigene WM für Frauen an. Dies waren auch die Themen der nächsten Segelfliegerinnen- bzw. Hexentreffen, die nach Siegerland-Flughafen, wo die Flugplatzgesellschaft Kaffee und Kuchen gestiftet hatte, in Clubheimen stattfanden und meist die Ehefrauen der Flieger Kuchen für uns gebacken haben.

Von Polen hatten wir auch den Namen „Hexen“ mitgebracht, denn Gis und ich waren in den Babajaga-Club aufgenommen worden. Die Zeremonie gibt es heute noch bei den internationalen Frauen-Wettbewerben. Außerdem waren die Männer nicht so begeistert von unseren Aktivitäten und da bot es sich an, uns selbst als Hexen zu bezeichnen, was eigentlich ein Schimpfname ist.

Gleich das 2. Treffen 1976 auf Siegerland-Flughafen wurde eine Sensation.

Weihnachten 1975 verbrachten mein Mann und ich wie immer in Fayence und dort war auch Walter Schneider mit seiner neuen LS 3, später als LS Blei gekannt. Jeder hätte so gerne mal die LS 3 geflogen, aber Walter stand grinsend im Kreis der begierigen Segelflieger, sah sich um und sagte: Wenn ich hier jemanden fliegen lasse, dann nur Ingrid. Das saß.

Wie bei den Autos begannen auch die Segelflughersteller, die Frauen zu entdecken und so konnte ich für das 2. Treffen Schneider mit LS 3, Schempp-Hirth mit Mosquito und Schleicher mit der ASW 19 gewinnen, an unserem Treffen diese 3 Prototypen vorzustellen und uns Frauen Probefliegen lassen.

Das Wetter spielte mit, es war ein herrlich strahlendes März-Wochenende. Natürlich kamen mehr Männer als Frauen, sie wollten ja Probefliegen und waren überzeugt, dass die Frauen sich nicht trauen würden, so tolle Maschinen – 2 davon mit Wölbklappen – zu fliegen. Noch heute macht es mir einen Mordsspaß an die verdutzen Männergesichter zu denken, weil die Frauen tatsächlich flogen und die Männer hinten anstehen mussten. Aber Walter Schneider und ich waren auch wie zwei Wachhunde um die Flugzeuge geflitzt und hatten aufgepasst, dass kein Mann einstieg, ehe nicht alle Frauen geflogen waren – wobei natürlich, das will ich nicht verschweigen, bei einigen enorme Seelenmassage notwendig war, bis sie eingestiegen sind. Hier wurde auch der Sonntag noch angehängt, weil eben einige Männer noch nicht geflogen waren.

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Beim 3. Treffen 1977 in Oerlinghausen nannte Fred Weinholtz einige Zahlen, die zeigten, wie spürbar die Leistungen im Damensegelflug in den letzten 3 Jahren angestiegen sind. In 1976 wurden 8 mal deutsche Rekorde überboten, u. a. einer von mir: 300 km zum ersten Mal in Deutschland mit einem Schnitt von 105 km/Std. Beim DSW – heute DMST, der Name stammt von mir – gab es eine Steigerung von 40 %, bei den Männern nur 6 %. Es gab ab 1.1.1975 eine eigene Damenklasse und es wurde ein Handicap eingeführt, weil es keine Klassenunterteilung gab. Die Clubklasse wollte man eigentlich herausnehmen und als eigene Klasse werten, aber die Segelflugkommission hat dies verhindert und so werden die Frauen bis heute in einer Klasse mit Handicap gewertet.

Hanna Reitsch, die Fred Weinholtz mit dem DAeC versöhnt und nach Deutschland zurückgeholt hatte, überreichte ihre Preise für den von ihr ins Leben gerufenen literarischen Wettbewerb.

Als Ziel wurde definiert, darauf hinzuarbeiten, dass keine gesonderten Damenwettbewerbe und Wertungen mehr notwendig sind, sondern die Frauen voll integriert bei den Männern mitfliegen.

Die Hexentreffen sollten weiterhin stattfinden und zwar am letzten Januarwochenende, immer 2 Tage, damit außer Vorträgen noch genügend Zeit zum Kennenlernen bleibt. Es wurden bei diesen Treffen eine Menge Freundschaften geschlossen, nicht nur unter den Pilotinnen, sondern auch ihren Familien und Kindern, denn zu diesen Treffen brachten viele Frauen ihre Kinder mit.

Wie erwähnt, fand der 1. Damenwettbewerb 1975 in Kassel statt, 1976 in Dinslaken (17 TN), 1977 in Oerlinghausen (13 TN) und gleichzeitig dazu der 3. Internationale Damenwettbewerb (17 TN), 1978 wieder in Kassel (16 TN).

1978 in Kassel setzte man an einem neutralisierten Tag die Diskussionen der Hexentreffen fort. Es gab Uneinigkeit über den Fortbestand der gesonderten Damenwettbewerbe und außerdem strebte der Ostblock massiv die Durchführung einer Frauen-Europameisterschaft an.

Der SEKO wurde folgender Vorschlag unterbreitet und dann auch entsprechend durchgeführt:

  1. Der Damenwettbewerb wird Deutsche Damensegelflugmeisterschaft und findet alle 2 Jahre statt, erstmals 1979.
  2. Qualifikation dazu: die TN des letzten Damenwettbewerbes und die ersten 10 des DSW jeden Landesverbandes.
  3. Die Meisterschaft soll mit einer Landesmeisterschaft oder einem vergleichbaren Männerwettbewerb stattfinden .
  4. Möglichst preiswert und in den Sommerferien, evtl. mit Kinderbetreuung.

1979 fand dann die erste Deutsche Damenmeisterschaft auf Burg Feuerstein statt und die 1. EM in Ungarn. Die 2. DM bereits 1980 in Mengen, um dann in einen 2-Jahres-Rhythmus zu kommen. Man musste aus dem Jahr der „Männermeisterschaften“ heraus, weil die Siegerin zu diesen Meisterschaften qualifiziert war und die EMs in den ungeraden Jahren stattfanden. Hier flog man auch zum 1. Mal in 2 Klassen Std./Renn und Clubklasse und 1982 in 3 Klassen, danach wieder nur Std. und Rennklasse, ab 1992 immer in 3 Klassen, so wie auch heute noch.

Auch da blieb es jeder selbst überlassen, auch an anderen Wettbewerben teilzunehmen, was auch mehr und mehr geschah.

Außer den Damenwettbewerben wurden auch Trainingslager angestrebt und notwendig. Zunächst nahm uns Heinz Huth mit seiner Frau „Taube“ auf Burg Feuerstein unter seine Fittiche.

Aber man muss sagen, dass es auch viele Männer und Leistungsflieger gab, die die „Frauenbewegung“ unterstützen. So lud Dieter Memmert, damals Sprecher der Männer Nationalmannschaft, zu den Nationalmannschaftstreffen auch vereinzelt Frauen ein, so konnten Marianne Deutschmann, Gisela Weinreich , Inge Müller und ich bei den Männern in Paterzell teilnehmen, später auch Pilotinnen in St. Auban.

Nach der 1. Damenmeisterschaft wurde auch die 1. Nationalmannschaft Frauen gebildet. Allmählich wurde alles analog den Männern installiert. Wir erhielten einen Frauentrainer, Werner Müller (Vater von Meike Müller), Holger Back, Martin Theisinger, dann 19 Jahre lang Walter Eisele, darauf gehe ich später noch näher ein, jetzt wieder Martin Theisinger.

Den endgültigen Durchbruch erreichten wir 1979 beim Deutschen Segelfliegertag in Berlin. Es wurde eine neue Geschäftsordnung verabschiedet und wir Frauen wurden voll integriert. Unsere Meisterschaften, Trainingslager und Anerkennung und Unterstützung des A-Kaders durch die Deutsche Sporthilfe. Die Sprecherin der Frauen-Nationalmannschaft wurde auch voll stimmberechtigtes Mitglied im Fachausschuss Leistungsflug wie die Sprecher der Männer und Junioren.

Immer mehr Frauen übernahmen Aufgaben in ihren Vereinen, den Landesverbänden und beim DAeC sowohl im Vorstand als auch als Fluglehrerinnen und ebenso im technischen Bereich.

So, jetzt wo wir das erreicht hatten, was wir wollten, hätte eigentlich Schluss sein sollen mit den Hexentreffen. Aber nein, sie hatten sich verselbständigt. Es fand sich immer eine Pilotin, die das Treffen organisierte, mal eine Frauenbeauftragte, die es inzwischen auf Druck der Sporthilfe gab, sehr oft die Frauen-NM, besonders die langjährige Sprecherin Angelika Machinek, die das Treffen zur Pflichtveranstaltung der Frauen-NM machte.

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Hier noch einige Besonderheiten, denn ich will ja nicht jedes einzelne Treffen schildern:

1980 in Bensheim gab es nochmal ein Probefliegen mit ASK 21 und LS3-17.

Bisher hatte ich mit Unterstützung der SEKO schriftlich Segelfliegerinnen zu den Treffen eingeladen, deren Anschrift die SEKO hatte. Die Ausrichterin des Treffens 1981 Marga Ottersbach-Hilger hatte einen „Hexenstempel“ kreiert und dieser wurde dann auf die Einladungen gesetzt. Die erste gestaltete Einladung gab es 1987 zum Treffen in Gütersloh, ausgerichtet von Ingrid Meyer zu Wickern. Ab dann wurde nicht mehr persönlich eingeladen, sondern die Flyer beim Segelfliegertag verteilt und in der Presse Termin und Ort veröffentlicht.

1990 beim Treffen in Worpswede, das Wetter war total schlecht und ungemütlich, saßen wir noch im warmen Gastraum zusammen als plötzlich so gegen 23 Uhr die Tür aufging und die „DDR“-Pilotinnen Monika Warstat und Irmgard Morgner mit Ehemännern, die wir ja noch nicht kannten, weil die zu den EM im Westen ja nicht mitdurften, und ihr Trainer Ralf Peter hereinkamen. Die Überraschung war groß, aber durch die Wiedervereinigung durften sie endlich mal ganz legal mit uns zusammen sein.

1992 nach der Satzungsänderung des DAeC wurde auch die Frauenbeauftragte (erste war Isolde Wördehoff) ins Präsidium aufgenommen und Abs. 2 um die Aufgaben Frauensport erweitert und von ihr die Geschäftsordnung des Bundesausschusses Frauensport ausgearbeitet.

1997 hat Isolde Wördehoff als erste und bisher einzige Vizepräsidentin des DAeC (1991-2005) den Orden „Goldene Hexe“ eingeführt.

2000, beim 25. Treffen, das ich mit meinem Verein ausgerichtet habe (wir hatten inzwischen 16 aktive Pilotinnen) habe ich einen Förderpreis für die beste jungendliche Segelfliegerin der DMST ausgeschrieben. Bis dahin hatten bis auf 2 Ausnahmen (einmal ich und einmal die Tochter von Marlis Bertram) immer nur Jungen die Förderpreise und Flugzeuge der SEKO bekommen. Bedingung war, dass die Flüge entweder auf Vereinsmaschinen oder auf einem von einer Privatperson zur Verfügung gestelltem Segelflugzeug geflogen wurden. Damit wollte ich auch erreichen, dass Mädchen genau wie Jungen Flugzeuge zur Verfügung bekamen. Dieser Preis wurde inzwischen von der Traditionsgemeinschaft Alte Adler übernommen und das Preisgeld auf 1.000 € verdoppelt, den gleichen Betrag, den auch die Jungen erhalten.

Besondere Gäste waren z.B. der Astronaut Ulf Merbold und Christian Moullec aus Frankreich mit seinem Filmvortrag „Flug mit den Gänsen“.

2005 nach Frankfurt hatten wir erstmals als Referentin eine Sportlerin einer anderen Sportart eingeladen, hier z.B. die Fußballerinnen, die von ihren Anfangs- und Durchsetzungsproblemen berichteten, in Stuttgart war eine Auto-Rennfahrerin zu Gast.

1984 machten es uns die Schweizerinnen nach und luden mich zu ihrem 1. Segelfliegerinnen-Treffen ein. Inzwischen haben die Schweizerinnen allerdings im Gegensatz zu uns einen Frauen-Segelflugverein gegründet.

Die Gestaltung der Segelfliegerinnen-Treffen mit Vorträgen und Diskussionen wurde auch von Ausrichtern anderer Veranstaltungen übernommen, z.B. vom Deutschen Segelfliegertag.

Das Forschungszentrum Jülich hat 1992 nach unserem Vorbild, angeregt durch Sybille Krummacher, eine Veranstaltung für „Frauen in Naturwissenschaft und Forschung“ veranstaltet, welche im 1. Anlauf von 400 Frauen bewucht wurde.

Auch die Frauenbeauftragten waren öfter Ausrichterinnen, so wie 2007 Sigrid Berner, die es in „Treffen der Luftsportlerinnen“ umbenannte, denn die Frauenbeauftragte war ja für alle Sportarten im DAeC zuständig, nicht nur für Segelflug.

Der Dr. Angelika Machinek-Förderverein Frauensegelflug (AMF) hält seine Jahreshauptversammlung am Termin der Hexentreffen ab und die neue Vorsitzende des BAFF und Ausrichterin des heutigen Treffens nimmt das Hexentreffen auch als Treffpunkt der BAFF-Sitzung.

1994 fand zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung ein Treffen in den neuen Bundesländern statt, in Ballenstedt. Besonders ist mir hier in Erinnerung, dass wir erst am Samstag anreisen konnten, weil wir im Siegerland eingeschneit waren.

Viele haben uns auf unserem Weg begleitet, unterstützt und gefördert. Denen möchte ich hier danken. Jeden Einzelnen kann ich nicht aufführen, aber einige möchte ich herausstellen, die auch für ihre Tätigkeit die Auszeichnung des DAeC „Goldene Hexen“ erhalten haben.

„Wenn es den Segelflug noch nicht gäbe, dann müsste er eigens für die Frauen erfunden werden, denn für einen guten Segelflieger sind jene Eigenschaften und Fähigkeiten Voraussetzung, die landläufig als typisch weibliche Attribute gelten wie Ausdauer, Sensibilität, konstruktive Phantasie und Begeisterungsfähigkeit.“

Diese Worte stammen von Fred Weinholtz aus den 60-er Jahren, unser erster und größter Förderer, langjähriger Vorsitzender der SEKO, der vom 1. Treffen 1975 in Siegerland an mit dabei war und uns bis zu seinem Tod im vorigen Jahr unterstützt hat, zuletzt immer noch mit Geldspenden an den AMF. Er erhielt im Jahr 2000 beim 25-jährigen Hexentreffen in Olpe die „Goldene Hexe“.

Die erste „Goldene Hexe“ erhielt Brigitta Keller für ihren frühen Einsatz im Frauensegelflug, ich 1998 die zweite.

Die 3. „Goldene Hexe“ erhielt 1999 Christa Hinrichs in Nidda. Christa hat jahrelang die NM begleitet und eine vorzügliche, unvergessene Pressearbeit geleistet und zwei tolle Publikationen 10 Jahre und 15 Jahre Damen-Segelflug-Wettbewerbe herausgebracht.

2003 erhielt Isolde Wördehoff die „Goldene Hexe“. Da die Auszeichnung vom Präsidium des DAeC genehmigt werden musste und Isolde diesem Präsidium angehörte, mussten wir zu ein Paar kleinen Notlügen greifen und hatten gestreut, wir wären total mit Isolde zerstritten. Dank an den damaligen Präsidenten Allertissen, dass er mitgemacht hat und wir so die Auszeichnung überreichen konnten, ohne dass Isolde es vorher mitbekommen hat. Bezeichnend für Isoldes Handeln als Frauenbeauftragte, Vizepräsidentin und Präsidentin des Bayrischen LV hatte ich den Spruch gewählt „Alles Große in der Welt gelingt nur, weil jemand mehr tut als er muss“. Ihren Einsatz für alle Luftsportarten dokumentierte ihre jährlich herausgegebene Broschüre „Frauen im Luftsport“, in der Presseberichte aus allen Landesteilen gesammelt waren. Ihr Traum von einem Museum für Frauen in der Luftfahrt ist noch nicht verwirklicht worden, wie es für die Ballonfahrerin Wilhelmine Reinhard in Freital bei Dresden gibt. 1998 erhielt sie die Urkunde und Auszeichnung der USA Nintey-Nines für ihr Engagement für Frauen in der Luftfahrt und ihr Name steht auf der Granitplatte unter der deutschen Linde neben den Namen von Elly Beinhorn, Dr. Angelika Machinek und Marion Hof.

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Die 6. Goldene Hexe ging nicht an einen Bundesbürger, sondern an die Belgierin Gill van den Broeck. Ich habe Gill schon 1970 in Fayence kennengelernt und zwar wie sie leibt und lebt, temperamentvoll, stimmgewaltig und sprachbegabt (6 Sprachen fließend). Sie erhielt die „Goldene Hexe“ für ihren enormen nationalen und internationalen Einsatz für den Frauensegelflug. Sie erflog einige belgische Rekorde, im Einsitzer und im Doppelsitzer zusammen mit Geogeo Litt. Seit 1973 hat sie die belgischen Pilotinnen bei den internationalen Wettbewerben EM und WM als Mannschaftsleiterin betreut und seit 1991 war sie entweder Mitglied der Jury oder Steward. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass so manche EM und WM regelgerecht durchgeführt wurde. „Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt“ hat sie uns mit auf den Weg gegeben. Einige von euch werden sie auch bei unseren Hexentreffen kennengelernt haben. Sie hat die internationalen Frauenwettbewerbe in 3 Büchern festgehalten, ebenso die Babajaga-Bücher verwaltet.

Die letzte „Goldene Hexe“ erhielt Walter Eisele 2009 in Krausnik, Brandenburg. Selbst ein erfolgreicher Rekord- und Wettbewerbsflieger, Sportdirektor der Weltmeisterschaften 1999 in Bayreuth, kam durch die EM Frauen 1995 in Marpingen eine Wende in sein bis dahin sehr „männliches“ Fliegerleben. Da Walter – wie jeder weiß nicht „Nein“ sagen kann – kam er der Wettbewerbsleitung zur Hilfe und damit zum ersten Mal in Kontakt mit Frauenaktivitäten und deren Problematik. Walter übernahm die vakante Stelle des Frauenbundestrainers und legte sich sofort für seine „Ladies“ voll ins Zeug, u. a. für die NM Frauen straffere fliegerische Trainingslager, auch im Gebirge, aber auch Skiausflüge im Februar. Die internationalen Erfolge seiner „Ladies“ ließen nicht lange auf sich warten. Von 1973 bis 1981 konnte einmal ein 3. Platz von einer deutschen Pilotin belegt werden, bei den EM von 1983 bis 1993 5x der 1. Platz, 5x der 2. Platz und 3x der 3. Platz. Von 1995 an – der Ära Walter – 12x den 1. Platz, 13x den 2. Platz und 11x den 3. Platz. Seine Unterstützung, auch finanziell, für den Frauensegelflug kann sobald keiner toppen. 19 Jahre blieb er Frauen-Bundestrainer, ehe er 2013 sein Amt niederlegte, zum Leidwesen der „Ladies“. Beim Hexentreffen in Dachau 2014 wurde bei einem großen Abendessen sein Abschied besiegelt. Aber wir vermissen ihn in der NM immer noch sehr, obwohl er sich ja weiterhin sehr stark für den Frauensegelflug einsetzt.

1992 erhielt Gisela Weinreich die Pelagia Majewska Gliding Medal für ihre fliegerischen Erfolge. In 1971 erwarb sie den Luftfahrerschein und bis 1978 erfolg sie die Gold C mit 3 Diamanten. 1975 nahm sie am 1. Damensegelflugwettbewerb in Kassel teil und seitdem ununterbrochen bis 1999, wo sie in Polen ihre internationale Flugkarriere beendete. Sie wurde 5-mal Europameisterin, zweimal Vize-Europameisterin und einmal errang sie die Bronzemedaille. Von 1979 an war sie 20 Jahre in der NM Frauen. Seit 2005 bei den WM in Klix ist sie FAI-Steward und Juryvorsitzende bei den WM Frauen. 1991 erhielt sie für ihren unermüdlichen, erfolgreichen Einsatz für den Segelflug das Silberne Lorbeerblatt des Bundespräsidenten.

Dr. Angelika Machinek erhielt die Pelagia Majewska Gliding Medal 2000 für ihre enormen fliegerischen Erfolge, Rekorde und Meisterschaften auf nationaler und internationaler Ebene. 1971 mit 14 Jahren begann sie ihre fliegerische Laufbahn, die nicht nur den Segelflug, sondern auch Motorflug und Ballonfahren umfasste. Sie war Pilotin, Fluglehrerin und Prüferin in allen 3 Sparten. Sie war Gründungsmitglied der 1997 wieder gegründeten deutschen Sektion der Ninety-Nines. Für uns Frauen wird ihr jahrelanges, intensives Wirken als Sprecherin der NM Frauen in Erinnerung bleiben. Am 12. Oktober 2006 verunglückte sie tödlich bei einem Routineflug mit einem „Smaragd“. Zu ihrem Andenken haben wir den Dr. Angelika Machinek Förderverein Frauensegelflug, AMF, gegründet. Susanne Schödel ist 1. Vorsitzende, ich Stellvertreterin, Walter Eisele Schatzmeister und Hanno Obermaier Schriftführer. Wer hätte es sich 1975 träumen lassen, dass es einmal einen Frauenförderverein gibt, bei dem der geschäftsführende Vorstand 50:50 mit 2 Frauen und 2 Männern besetzt ist. Die Förderflugzeuge, zunächst eine Hornet, die wir gleich im ersten Jahr mit Hilfe von vielen Spenden anschaffen konnten, dann noch eine Libelle wird jungen Fliegerinnen zur Verfügung gestellt. Diese jungen Segelfliegerinnen erflogen 5-mal hintereinander den Förderpreis der AA.

Wir haben wirklich viel erreicht, obwohl es immer wieder Stolpersteine gab und die Männer versuchten, uns unsere erreichten Rechte abzunehmen, wie die Nationalmannschaft, die Sporthilfe und die Qualifikation zu den Deutschen Meisterschaften. Dazu wurde auch das Referat Frauensegelflug eingerichtet, das bis heute besteht und Mitspracherecht im Fachausschuss Breitensport hat. Die Sprecherin der NM Frauen gehört dem Fachausschuss Leistungssegelflug an und die Frauenbeauftragte ist ebenfalls im Präsidium. Außerdem ist eine deutsche Rekord- und Weltmeisterin Generalsekretärin der FAI in Lausanne, die 1. Vorsitzende des AMF und hat es geschafft, heute hier zu sein. Mitgebracht hat sie uns mal wieder, wie bei den meisten Treffen der letzten Jahre, den Segelflugbildkalender von Conny Temlitz, der wir für ihre Spende danken.

Wie sieht die Zukunft aus. Wir haben unsere Positionen gehalten bzw. ausgebaut. Wünschen würden wir uns, dass mehr Frauen fliegen, es sind immer noch nur etwa 10 % und eine größere Beteiligung an der Frauenmeisterschaft. Deshalb und weil mehr und mehr Frauen an „Männerwettbewerben/-meisterschaften“ teilnehmen, hat man im vorigen Jahr die Frauen DM in einen Qualifikationswettbewerb integriert. Das hatten wir ja schon 1978 gefordert und ich empfand dies als eine gute Lösung und es hat gezeigt, wie hoch der fliegerische Leistungsstand der Frauen ist.

Es gibt natürlich noch viele Kleinigkeiten, die ich nicht dargestellt oder angesprochen habe, aber unterm Strich gesehen haben wir unsere Gleichberechtigung erreicht und können zufrieden sein, nur müssen wir es vermitteln und sehen, dass die junge nachfolgende Generation dies erhält. Evtl. gibt es ja auch 2018 wieder ein Hexentreffen.

Aber ich habe noch eine Neuigkeit, die erst vorgestern am Donnerstag beschlossen wurde, die darauf abzielt, junge Segelflieger zu fördern und zwar Jungen und Mädchen gleichermaßen:

Die Traditionsgemeinschaft „Alte Adler“ vergibt jährlich beim Segelfliegertag die Förderpreise an den besten DMST Junior-Segelflieger der Club- und Standardklasse, die beste Junior-Segelfliegerin und die Junioren-Mannschaft. Der Preis an die Junioren-Mannschaft wird gestrichen, weil es oft die gleichen Piloten sind, die den Preis Club-/Standardklasse bekommen haben. Dieser Preis wird jetzt aufgeteilt zu je 500 Euro an den Sieger und die Siegerin des Jugend-Bundesvergleichsfliegens. Im letzten Jahr hat es wohl nur ein Mädchen bis auf Bundesebene geschafft und wohl den letzten Platz belegt, aber sie hätte die 500 € bekommen. Also, gebt das bitte sofort in euren Verein weiter und seht zu, dass auch Mädchen an den Landesausscheidungswettbewerben teilnehmen und zum Bundesfliegen kommen, dem und der Siegerin winken 500 € Preisgeld. Ein Präsidiumsmitglied der „Alten Alter“ wird den Preis am letzten Abend des Bundesvergleichsfliegen überreichen. Wenn das mal kein Ansporn für unseren Nachwuchs ist.

 

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