Außenlandung

Zur Karriere eines jeden Segelfliegers gehört ein Streckenflug in der Ausbildung. Wenn man ihn alleine absolviert, sind es nur 50 km Luftlinie, die man fliegen muss. Von unserem Flugplatz in Lachen-Speyerdorf liegt der Flugplatz Sinsheim fast genau 50 km entfernt. Nach gerade mal 79 Starts habe ich am 05. August 2015 den Versuch gewagt, alleine in einem Astir nach Sinsheim zu fliegen.

Weit kam ich nicht… Eine Kombination aus Unerfahrenheit gepaart mit sengender Hitze (40 °C) und Blauthermik hat mich kurz vor Überqueren des Rheins dazu gezwungen, außerhalb eines Flugplatzes zu landen.

Eigentlich fing alles gut an, über dem Heimatflugplatz EDRL (Lachen-Speyerdorf) habe ich mich in ca. 450 m mit dem Astir ausgeklinkt und bin zunächst auf 1000 m gestiegen. „Nicht so hoch, aber unterwegs finde ich mit Sicherheit noch Thermik!“ habe ich mir noch gedacht. Dann bin ich Richtung Südosten am Holiday-Park vorbeigeflogen, habe mir die Landschaft angeschaut, den Dom in Speyer, den Rhein und das alles im Sinkflug. In Speyer bin ich dann mit 600 m angekommen und die Häuser unter mir sahen verdächtig nah aus. Es war keine einzige Wolke am Himmel und kein Funken Hilfe auf der Suche nach aufsteigender Luft!

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich versagt hatte. Ich traute mich nicht, über den Rhein zu fliegen. Wer weiß, was für ein Saufen über dem Wasser ist und wässern wollte ich trotz Hitze nicht unbedingt mit einem Segelflugzeug. Ich drehte um und flog zurück Richtung Heimatflugplatz. Das Problem war allerdings, dass ich gerade in die Richtung gedreht habe, in welcher ich auch vor einigen Minuten schon keine Thermik gefunden hatte. Ich bekam Panik, mit der Höhe schaffe ich es nie wieder zurück. Ich ließ Speyer hinter mir und schaute, dass ich irgendwo Felder weit weg von Windrädern oder Hochspannungsleitungen fand.

Bei äußerst philosophischen Selbstgesprächen („Scheiße, scheiße, scheiße… oh Gott, wo lande ich nur?!“) einigte ich mich mit mir selbst auf ein langes Stoppelfeld und setzte zur Landung an. Da ich bisher immer nur auf dem Heimatflugplatz gelandet bin, konnte ich die Landung nicht besonders gut einteilen. Ich landete zwar auf dem erwählten Stoppelfeld, aber ungefähr 150 m von dem Punkt entfernt, den ich fixiert hatte. Die Landung war die härteste meines Lebens. Der Astir rollte weiter, direkt in ein Rhabarberfeld! Die linke Fläche berührte einige Rhabarberpflanzen, wodurch das Flugzeug sich um dich Hochachse nach links drehte und ich innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde von ca. 90 km/h zum Stillstand kam!

Ich hatte in diesem Moment einen fatalen Fehler gemacht, der sich zum Glück nicht negativ ausgewirkt hat. Ich habe meine Außenlandung nicht gefunkt. Wäre mir etwas passiert, hätte man mich nur sehr schwer und sehr spät gefunden.

Aber: Ich hatte überlebt! Mir war nichts passiert und das Flugzeug war noch ganz! Ich rief meinen Fluglehrer an und WhatsApp-te meine Position an den gesamten Flugsportverein. Ich stand mitten im Nirgendwo. Der Rhabarber schmeckte roh entsetzlich, es war 40 °C warm und ich hatte keinen Schutz vor der Mittagssonne. Im Glauben, dass meine Freunde mich gleich abholen, lief ich zur nächsten Straße und stand einfach nur blöd rum, als hätte mich jemand dort vergessen. Ein Auto hielt an und der Fahrer fragte: „Wie bist DU denn hier gelandet?!“ Ich zeigte auf den Astir 100 m weiter im Feld und meinte nur: „Ziemlich hart bin ich hier gelandet!“ Der Mann lachte gefühlte 10 Minuten und fragte dann, ob mir was passiert wäre, bevor er beruhigt und belustigt wegfuhr.

Ich wartete eine Ewigkeit! In der Zwischenzeit rief ich die Polizei in Neustadt an. Vermutlich ein Verwandter des Autofahrers zuvor ging ran und lachte auch erst mal gefühlte 10 Minuten nachdem ich meine Rhabarbergeschichte erzählt hatte. Danach meinte er, ich müsse in Speyer anrufen, er wäre nur für Rhabarberfelder in der Nähe von Neustadt zuständig. Der Polizist in Speyer hatte einen Clown weniger gefrühstückt und schickte 2 Kollegen. Und dann kamen fast alle gleichzeitig: Die Polizei, die Rückholer vom Verein und… DER BAUER!

Der Rhabarber war wohl der ganze Stolz des Bauern, er war sehr sauer, beruhigte sich im nächsten Moment aber wieder, vermutlich weil ich so armselig vertrocknet aussah nach 2 Stunden in der Hitze und er wohl gemerkt hat, dass ich es sicherlich nicht mit Absicht getan habe. Die lieben Rückholer vom Verein brachten mir Süßigkeiten und einen Smoothie mit. Das war das beste Essen und das beste Getränk meines Lebens! Ich war noch nie so dankbar. Mit aller Mühe und der letzten Kraft bauten wir den Astir auseinander und fuhren ihn im Hänger zurück.

Nach der Niederlage versuchte ich es in der Saison nicht mehr. Aber gelernt hatte ich viel! Allen voran, Gefahren zu vermeiden. Dazu gehört, dass man seine Landung funkt. Ich habe auch gelernt, dass ich mich auf meine Flugkolleginnen und -kollegen verlassen kann. Und es war ein tolles Gefühl, dass niemand sauer auf mich war. Ich bekam Trost auch von den Fluglehrern, die immer an mich geglaubt haben.

Inzwischen ist die Rhabarberlandung ein Gag geworden und mein nächster Versuch ist auch ohne Gemüse geglückt. Die Rückholer habe ich auf ein Essen bei mir zu Hause eingeladen. Zum Nachtisch gab es Rhabarberkuchen und Rhabarbersekt. Und in der Zeitung war ich auch:

http://www.welt.de/regionales/rheinland-pfalz-saarland/article144891976/Segelfliegerin-landet-in-Rhabarberfeld.html

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Außenlandung mit dem Astir am 5. August 2015 in einem Rhabarberfeld bei Harthausen