Hintern versohlen

Ich bin mir sicher, dass diese Tradition entstanden ist, als Flugsportvereine ausschließlich aus Männern bestanden haben: Nach dem ersten Alleinflug wird dem frischgebackenen Pilot in Command der Hintern versohlt!

Erfahrene Piloten behaupten, der Po sei ein sehr wichtiges Instrument beim Segelfliegen, da er Thermik fühlen könne. Das Versohlen soll den Hintern sensibler für das Erfühlen von Aufwinden machen und somit zu einer guten Ausbildung beitragen.

Mit meinem ungläubigen Blick habe ich meine Fluglehrer wohl ein wenig in Verlegenheit gebracht, da sie sich sofort eine viel wissenschaftlichere Theorie einfallen lassen haben: Nach dem ersten Alleinflug seien schon viele Adrenalin-getankte Flugschüler übermütig geworden. Das übersteigerte Selbstbewusstsein, welches beim alleinigen Lenken eines Flugzeugs erzeugt wird, kann im Nachhinein zu vielen Unfällen und Toten führen, da man sich leicht überschätzt und gefährliche Manöver verrichtet, für die man noch nicht bereit ist. Das Hintern-Versohlen soll die Flugschüler wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen und sie daran erinnern, dass sie nicht die größten Helden sind.

Sich als Frau vor einer Horde Männern zu bücken, die einen an einer Stelle berühren, für die man sie auch anzeigen könnte, war für mich erst mal nicht leicht. Man könnte sogar sagen, es war wohl das Erniedrigendste, Peinlichste und Lustigste, was ich jemals im Leben gemacht habe.  Und etwas, worauf sich der ganze Verein gefreut hat, seit ich das erste Mal geflogen bin. 😉

Wie bin ich damit umgegangen? Nach meinem Alleinflug war ich tatsächlich sehr Adrenalin-geladen und auch etwas aufgedreht. Wir haben am Abend die Flugzeuge zurück zum Hangar gezogen und wollten aufräumen, als mein Fluglehrer sagte, ich solle doch mal ganz tief in unserer K7 schauen, ob da nicht noch etwas drin wäre. Und ich sollte selbstverständlich so tief schauen, dass ich nicht sehe, wer mich gerade schlägt. Ich weiß nicht, ob es am Adrenalin lag oder daran, dass die Jungs sich nicht getraut haben. Es hat weder weh getan, noch war es komisch. Ich hab die Klapse gezählt – natürlich waren es mehr als die Anzahl der anwesenden Personen 😉 – und nach nicht mal einer Minute war es vorbei.

Im Endeffekt bin ich sehr froh, dass ich es gemacht habe. Ich habe einerseits den Jungs nicht den Spaß verdorben und andererseits haben sie mich genau in diesem Moment zu 100 % als „Kumpel“ akzeptiert. Ich habe ihnen damit signalisiert: „Ich bin eine von euch!“ Sie respektieren mich, sie mögen mich und sie müssen sich vor mir nicht verstellen. Sie machen ihre Männerwitze neben mir, rülpsen und halten mir im nächsten Moment die Tür auf oder nehmen mir das schwere Blei ab.

Ich möchte diese Tradition nicht verurteilen, denn in unserem Verein schweißt sie die Mitglieder zu Freunden zusammen. Ich finde nicht, dass Frauen sich von der Po-Verhauerei „freikaufen“ sollten (ja, so etwas gibt es auch!), denn damit machen sie die Männer umso mehr darauf aufmerksam, dass es vermeintliche Unterschiede zwischen uns gibt. Außerdem freue ich mich inzwischen auch jedes Mal darauf, jedem neuen Alleinflieger einen Klaps zu geben…

Alleinflug_Blumen

26. Oktober 2014 nach meiner A-Prüfung (Erste 3 Alleinflüge) mit einem Dornenstrauß